Die Stadt ist ein riesiges Buch, sie kann gelesen werden wie ein Text. Sie besteht aus Buchstaben, Satzzeichen, ja sogar ganzen Sätzen, die viele kleine Geschichten ergeben. Diese Geschichten laufen parallel und gleichzeitig ab, sie verbinden sich, nehmen Einfluss auf einander, überkreuzen oder schneiden sich, manche bleiben für immer im Verborgenen. Zusammengenommen ergeben sie aber eine große, gemeinsame Geschichte, die sich den Lesenden als “Berlin”, “Paris”, “Istanbul”, “Ragusa” oder “New York” präsentiert.

Jede Stadt ist somit vor allem in und durch Erzählungen präsent. Manche Dinge passieren nur in einer bestimmten Stadt oder werden zumindest durch eine bestimmte Stadt repräsentiert. Das hat viel mit ihrer Geschichte zu tun, mit Menschen, die in den entsprechenden Städten gelebt und gewirkt haben, über diese erzählt und somit zu einem Stadt-Mythos beigetragen haben; diese Narrative haben jedoch auch eine Wirkung auf die Städte und das, was wir in ihnen suchen und finden wollen: in Paris käme sicher niemand auf die Idee die Melancholie zu suchen, in Buenos Aires oder Lissabon hingegen ist diese wahrscheinlich eher zu Hause usf.
Auch Berlin, mit dem rasanten Wandel den die Weltstadt der Geschwindigkeit gerade wieder einmal durchmacht, ist ein großes Buch mit vielen Kurzgeschichten, die entdeckt werden können. Hierbei kann eine flanierende Haltung eine Methode zur Entdeckung sein.
Am Sonntag den 22. Juli veranstaltete Karsten Michael Drohsel (Mobile Universität) in Kooperation mit Tina Saum, einer Literaturwissenschaftlerin und leidenschaftlichen Flaneurin aus Stuttgart und Holger Jäckle, einem Drehbuchautor und “gelernten Berliner” einen Workshop, um die Kunst der Wahrnehmung und die der Flanerie zu erlernen
Über Körper- und Geistübungen stellte Holger Jäckle zu erst eine Grundaufmerksamkeit der TeilnehmerInnen gegenüber sich selbst und gegenüber ihrer Umwelt her, die dann über einen Vortrag von Tina Saum auf das Gehen in der Stadt geleitet wurde. In der Tradition der großen Berliner Flaneure wie Franz Hessel, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer, Richard Wagner oder Joseph Roth verließen die AspirantInnEn den Pfefferberg, um sich aufmerksam der Stadt und den in ihr lauernden Geschichten zu nähern.

Nach ca. zwei Stunden kamen die Einzelpersonen und Gruppen an der Mobilen Universität zusammen, um sich gegenseitig ihre Entdeckungen zu erzählen, ähnliche oder gegensätzliche Beobachtungen zu schildern und die Ansätze und Skizzen, die der Stadt entnommen wurden, wieder in die Stadt zurückzuschreiben – Writings on the City.

Die Teilnehmenden hielten sich vornehmlich im Prenzlauer Berg auf, was die Inhalte der Geschichten maßgeblich bestimmte. Dialoge wie zwischen einem ca. 7-jährigen Mädchen und seiner Mutter, über die Unfähigkeit sich “connecten” zu können, oder die allerortens präsente Problematik des rücksichtslosen Umbaus der Stadt durch einfließendes, vor allem süddeutsches Kapital, sind nahezu typisch für das Gebiet um Kollwitzplatz, Pfefferberg, Teutoburger Platz, Weinbergs- und Mauerpark. Viele Auseinandersetzungen, vor allem im Zusammenhang der Eröffnung des BMW Guggenheim Labs im Pfefferberg zeugen vor der Brisanz und dem Gesprächsbedarf über diese Prozesse und Dynamiken.
Durch das aufmerksame Durchstreifen dieser Areale lernen die Teilnehmenden nicht nur die Stadt viel besser kennen, sondern es wurden viele kleine Geschichten gefunden, die mit der eigenen Erfahrung in Verbindung gebracht und ausgewählt, wieder eine neue narrative Ebene eröffneten. Darüber hinaus sind erstaunliche Erkenntnisse dazugewonnen und die “Metageschichte”, die sich “Berlin” nennt um einen Aspekt erweitert worden.
Das Projekt Writings on the City soll auch nach dem BMW Guggenheim Lab weiter gehen. Auf diesem Blog und dem Flickr können auch zukünftig Geschichten und Photos gesammelt und veröffentlicht werden, schreibt uns einfach eine E-Mail, wir laden diese dann hoch.
